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Interviews

Interview mit Imke von „Mayda Blumenfarm“

Als ich Imke, Reuben und ihre kleine Tochter bei unserem ersten Slowflower Treffen 2018 kennenlernte, gab es nur einen Traum: Blumen anbauen und verkaufen. In den letzten drei Jahren entwickelte sich daraus erst ein Terrassengarten, ein kleiner Marktverkaufe und jetzt das „Big Business“: eine große Anbaufläche am Rand Berlins mit Blumenfeld, Glashaus, Workshops und Direktverkauf. Imke strahlt für mich immer eine sehr große Ruhe aus, ist zurückhaltend und wusste dabei aber immer ganz genau, was sie will, wenn wir uns trafen: den Schnittblumenanbau zum Hauptberuf und Familienprojekt machen. Mittlerweile sind die Beetflächen vorbereitet, die Webseite ist nigelnagelneu und die drei sind nun zu viert – wie das alles geklappt hat und welche Höhen und Tiefen es bei ihrem Projekt gab erzählt Imke mir in diesem Interview.

Liebe Imke, eine Reise nach Amerika hat bei dir und Reuben die Vision geweckt, Flowerfarmer zu werden. Wie kam es genau dazu?

Reuben kommt ursprünglich aus dem mittleren Westen der USA und vor der Pandemie haben wir mindestens einmal im Jahr seine Eltern dort besucht. Sie wohnen mitten auf dem Land und in der nächstgrößeren Stadt gibt es einen schönen “Farmer’s Market”. Als wir 2018 da waren und wieder einmal einen Samstag Vormittag auf dem Markt verbracht haben, war da auch ein Blumenstand von einer Amish Familie. Sie haben uns eingeladen, am Nachmittag ihre Flower Farm zu besichtigen und so sind wir dann spontan hingefahren. Als wir bei der Farm angekommen sind und ins erste Hoophouse gingen, war es sofort um uns geschehen. Das war, als wären uns beiden Schuppen von den Augen gefallen und wir wussten sofort: das wollen wir auch machen. Wenn ich das jetzt so nacherzähle, kann ich es richtig im ganzen Körper spüren, wie es mich damals durchfuhr. So intensiv war das. Ich hatte zu der Zeit Gartenbau studiert und wusste nie so recht, in welche Richtung ich mit dem Studium wollte. Selber Schnittblumen anzubauen schien alle meine Wüsche zu vereinen: Gartenbau betreiben, dabei kreativ und selbstbestimmt arbeiten können und die Möglichkeit, gemeinsam etwas mit Reuben aufzubauen. Für Reuben war es ebenso. Er ist professioneller Musiker und hat sich mit der Geburt unserer Tochter entschieden, keine langen Tourneen mehr mitzumachen, sondern wollte gerne etwas anderes, neues hier in Berlin beginnen. Der Gedanke, eine Flower Farm aufzubauen, hat einfach sofort gepasst.

Kannst du erklären, wie genau am Anfang euer erstes „Set Up“ auf der Dachterrasse aussah – also wieviele Beete hattet ihr und wie viel habt ihr dann verkauft?

Wir hatten 5 Palettenbeete und ein extra Hochbeet. Dazu kamen noch Töpfe und diverse Kästen auf jedem freien Zentimeter. Im blühenden Sommer war es immer eine Herausforderung, sich durch den Blumendschungel zu schlängeln. Wir haben selbst bei dieser kleinen Fläche von Anfang an mit Tropfbewässerung gearbeitet. Angebaut haben wir alles an Einjährigen, was man sich so vorstellen kann. Irgendwo habe ich immer noch etwas reingequetscht und ausgesät. Wir haben einmal im Monat auf einem Markt verkauft. Um genügend Ernte zu haben, haben wir in unserer Küche einen kleinen Extra-Kühlschrank nur für Blumen installiert, um für den Markt Blumen ansammeln zu können. Auf dem Markt haben wir circa 20 kleine Sträuße verkauft. Monetär rentiert hat sich das alles nicht für uns, aber die Tage mit unserer Tochter auf dem Markt waren total schön und das Arbeiten mit den Blumen im direkten Kontakt mit den Kund:innen hat uns in unserem Wunsch, das ganze beruflich zu machen, bestärkt. Alles, was ich zwischen den Märkten geerntet habe, habe ich an Freund:innen und Nachbar:innen verschenkt oder damit unser Zuhause verschönert. Wir haben die Zeit vor allem genutzt, uns Wissen zum Schnittblumenanbau anzueignen und uns auf das Bewirtschaften einer größeren Fläche vorzubereiten.

Wie waren diese Anfänge, was waren die größten Herausfroderungen?

Die Anfänge waren holperig. Da war nun auf einmal dieser große Wunsch und diese genaue und gleichzeitig komplett ungenaue Vorstellung, von dem, was wir gerne aufbauen möchten. Wir standen vor vielen Fragen: wollen wir in Berlin bleiben? Wie arbeitet man gemeinsam als Paar? Wie müssen die nächsten Schritte aussehen? Und dazu natürlich die ganzen anbauspezifischen Fragen. Wir hatten schon immer viel gegärtnert und einiges an Wissen, aber der Anbau saisonaler Schnittblumen ist eben noch mal eine ganz eigene Wissenschaft und Kunst für sich. Die größte Herausforderung war die Auswahl von Saatgut. Ich kann mich so schwer entscheiden und würde am liebsten alles anbauen. Inzwischen hat sich die Herausforderung dahingehend verändert, dass das Auffinden besonderer Sorten schwierig geworden ist, seitdem wir nichts mehr in den USA und Großbritannien kaufen können. Als wir nur den Balkon zum Anbauen hatten, musste ich mich so stark einschränken in der Wahl und nun haben wir die große Fläche, und nicht mehr die Möglichkeit, so einfach an Saatgut zu kommen. Auch die Anbauplanung empfinde ich als sehr mühsam. Ich gärtnere sehr intuitiv und selbst wenn ich mir einen Plan zusammen gestellt habe, kommt dann doch vieles anders.

Wann und warum kam der Wunsch nach einer richtigen Anbaufläche und wie seid ihr bei der Suche vorgegangen?

Der Wunsch nach einer richtigen Anbaufläche war mit dem Besuch der Flower Farm in den USA sofort da. Noch an dem selben Abend habe ich mich damals ans Recherchieren gemacht, habe nach Anbauer:innen in Deutschland gesucht, nach landwirtschaftlichen Flächen um Berlin herum und nach allem, was ich zum Schnittblumenanbau finden konnte. So habe ich dann auch das erste Mal den Begriff “Slowflower” gehört und gesehen, dass es in den USA schon eine richtige Bewegung dazu gab. Ich konnte gar nicht glauben, dass mir das Ganze noch nie begegnet war.
Ich habe dann neben dem Studium (und dem Muttersein) jede freie Minute mit der Suche verbracht. Habe alles an Inseraten in Brandenburg durchforstet, das ich finden konnte, habe mich bei Firmengeländen nach freien Grünflächen erkundigt, habe bei Gemeinden angefragt, und es hat nicht gefruchtet. Uns war auch die ganze Zeit noch nicht klar, wie wir uns das eigentlich alles vorstellen, denn wir wohnen sehr gerne in Berlin und fanden außerdem den Gedanken schön, die Blumenfarm nicht “nur” zum Anbau zu nutzen, sondern auch irgendwie als Ort zu gestalten, an dem Menschen gerne sind, der Schönheit mit sich bringt. Deswegen wollten wir nicht zu weit aus Berlin raus mit der Fläche. Wir haben zwar einige Flächen in Brandenburg besichtigt, aber es war nie das Richtige.

Erzähl uns von der neuen Fläche, wie groß ist sie, wo liegt sie, was sind die Besonderheiten?

Als unsere Suche bereits ein Jahr lang ins Leere gelaufen war, kam Reuben irgendwann der Gedanke, dass doch auf Friedhöfen oft viel leere Fläche ist. Die Recherche dazu hat mich zu dem FEP, dem Friedhofs-Entwicklungsplan, gebracht, in dem geregelt wird, wie ungenutzte Friedhofsfläche umgenutzt werden kann. Wir haben uns dann mit unserem Konzept initiativ bei Friedhofsverwaltungen beworben und sind da bei dem Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte auf offene Ohren gestoßen. Sie haben uns eine 1200qm große Fläche im Berliner Norden, in Pankow, angeboten. Die Fläche liegt in einer Ecke des Friedhofs, in der nie Gräber angelegt waren. Sie schließt direkt an eine alte Friedhofs-Wartehalle an, die wir nutzen dürfen. Die Herausforderung an die Arbeit auf der Fläche ist die etwas schattigere Lage, aber ansonsten ist es dort einfach traumhaft schön. Der hintere Teil des Friedhofes ist Wald und es schließen sich noch zwei weitere große Friedhöfe an, die ebenso dicht bewaldet sind. Der Ort strahlt eine große Ruhe aus. Wir haben unsere Anbaufläche mit Staketenzaun eingerahmt und uns beim Layout der Beete viele Gedanken gemacht. Einerseits wollten wir möglichst viel Beetfläche schaffen und gleichzeitig liegt uns sehr am Herzen, immer die Ästhetik im Auge zu behalten, um dem Friedhof Respekt zu zollen.

Die neue Beetfläche auf dem Friedhof

Was ist nun euer Plan, wo steht ihr jetzt genau? Und was sind die Pläne für dieses Jahr?

Das letzte Jahr haben wir intensiv an unserer Unternehmensgründung gearbeitet und die Blumenfarm mit allen (No-DIg)-Beeten und der ganzen Infrastruktur aufgebaut. Es stehen viele kleine Jungpflanzen in den Startlöchern, um auf die Farm zu ziehen. Jetzt freuen wir uns sehr auf den Beginn unserer ersten Saison. Wir starten im April mit der Ernte der Blumen, die wir über Abonnements, an Läden und auch an einige Florist:innen verkaufen. Neben dem Verkauf der Blumen haben wir auch sehr schöne Angebote auf der Blumenfarm. Es werden tolle Floral Designer:innen zu Workshops kommen; es gibt die Möglichkeit, sich Alleine-Zeit auf der Farm zu buchen, um in Ruhe in sich zu kehren, durch die Blumenreihen zu streifen, zu ernten und das Glashaus kreativ als Studio zu nutzen; und spätestens im Sommer wird es Selbstpflück-Nachmittage geben. Unser Wunsch ist, einen funktionierenden Gartenbau-Betrieb aufzubauen und gleichzeitig einen besonderen und schönen Ort für Inspiration und Kreativität zu schaffen.

Ihr arbeitet mir der „No Dig-Methode“, kannst du uns erklären, was es damit auf sich hat und warum ihr das macht?

Beim No-Dig (kein graben), oder No-Till (kein pflügen), geht es salopp gesagt darum, den Boden möglichst in Ruhe zu lassen und ihn stetig zu verbessern, anstatt ihn auszulaugen. Es wird also möglichst nicht umgegraben oder gepflügt. Der Boden, in dem unsere Blumen wachsen, ist ja nicht nur Erde, sondern es gibt unter der Oberfläche ein unglaublich aktives und faszinierendes Netzwerk an Kleinstlebewesen: Funghi, Bakterien, Würmer… Dieses ganze System wird durcheinander geworfen oder zerstört, wenn der Boden aufgegraben oder gepflügt wird. Die Motivation hinter dem pfluglosen Anbau ist also, den Boden leben zu lassen und sich dieses funktionierende Netzwerk an Mikroben zunutze zu machen.
Für mich stand von Anfang an fest, dass ich nicht pflügen möchte. Zunächst war das einfach ein Gefühl: es fühlte sich “nicht richtig” an, den Boden aufzubrechen. Ich weiß nicht mehr, wann mir dann der Begriff “No-Till” begegnet ist, aber dass da ein richtiges Konzept hintersteht und Menschen große Farmen so bewirtschaften, hat mich unglaublich fasziniert. Als es dann darum ging, unser Anbaufeld zu beziehen und die ersten Schritte vor Ort zu planen, habe ich Reuben das erste Mal von No-Till erzählt. Er war direkt Feuer und Flamme und saugt seitdem alles an Informationen auf, das er dazu finden kann. Er hat bereits diverse Bücher dazu gelesen und ist in diesem Zusammenhang auch in die Materie des Korean Natural Farming und JADAM eingetaucht, die den No-Till-Gedanken in gewisser Weise weitertragen, weil es darum geht, mikrobiell aktive Pflanzenstärkungsmittel selber herzustellen und viel mit Pflanzen vor Ort zu arbeiten, um sich die bereits vorhandenen Abläufe des mikrobiellen Systems zunutze zu machen. Es hat sich mit dem No-Till-Gedanken eine ganz neue Perspektive auf unsere Blumenfarm eröffnet. Während wir zuerst an Schnittblumen und die Ernte gedacht haben, hat sich die Farm nun gedanklich in die Tiefe erweitert. Der Boden und seine Lebewesen sind genauso Teil der Blumenfarm.

Macht ihr den Blumenanbau jetzt Hauptberuflicht? Ihr habt zwei kleine Kinder, wie bekommt ihr das alles unter einen Hut, wie organisiert ihr euren Alltag?

Wir starten mit der Blumenfarm jetzt unsere Selbstständigkeit. Alles unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer leicht. Es hat sich in der Betriebsgründung und dem Aufbau der Farm alles um einiges mehr in die Länge gezogen, als es geplant war. Ich wollte z.B. viel mehr schon im Herbst ausgesät haben und bin letztendlich stolz auf jede Beetreihe, deren Bearbeitung ich mit Baby in der Trage geschafft habe. So ist es mit vielem. Die Pflanzplanung hätte ich gerne viel genauer und früher erledigt, aber eine wichtige Lektion mit kleinen Kindern ist: lass los von Vorstellungen, wie alles zu sein hat und sei stolz auf das, was du trotz allem schaffst. Diese erste Saison wird dennoch eine extra Herausforderung, weil unser kleiner Sohn noch nicht in die Kita geht. Wir werden unsere Zeiten gut aufteilen und effizient arbeiten, um Kinder und Farm vereinbaren zu können. Und wir machen weder Hochzeiten, noch Märkte am Wochenende, um genug Zeit als Familie zu haben.
Die letzten Monate waren schon eine gute Probe. Die Kitaschließung (unserer großen Tochter) im Lockdown ist genau mit unserem Endspurt zur Betriebseröffnung zusammen gefallen und unsere Tage im letzten halben Jahr haben meistens so ausgesehen, dass Reuben die Tage auf der Farm verbracht hat und ich dann abends, wenn die Kinder irgendwann im Bett sind, die ganzen Büroarbeiten erledige und die Aussaat hier Zuhause mache. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn irgendwann wieder etwas Alltag und Routine einkehrt und wir alles, was mit der Blumenfarm zu tun hat, aus unserem Zuhause verlagern können. Und ich freue mich so sehr, endlich Blumen ernten und Sträuße binden zu können!

Endlich Sträuße binden!

Was macht dir am meisten Spaß an deiner Arbeit?

Die Blumen wachsen zu sehen! Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn ein Samen keimt, aus ihm ein kleines Pflänzlein sprießt und daraus irgendwann eine Blüte hervorkommt. Und ich liebe die große Vielfalt an Pflanzen, die mich auf der Farm umgibt. Dass ich mich nicht auf wenige Kulturen festlegen muss, sondern so viele Farben und Formen und Unterschiede zelebrieren kann, macht mich zutiefst glücklich. Außerdem freue ich mich riesig darauf und darüber, mit anderen Blumenmenschen zu arbeiten. Mayda Blumenfarm ist für uns so viel mehr als ein Acker und wir wünschen uns von Herzen, dass wir einen Ort der Kreativität und des Zusammenkommens schaffen können.

Was ist das Wichtigste das du auf deinem Weg als Blumenbauerin gelernt hast?

Zuversicht, Selbstvertrauen, Geduld und Durchhaltevermögen. Und dass nicht immer alles perfekt sein und aussehen muss. Es ist in Ordnung, langsam zu lernen und zu wachsen. Es ist eben bei uns wie bei den Pflanzen: wir wachsen nicht schneller, wenn wir uns stressen und drängen.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der auch Blumen anbauen möchte?

Komme zur Slowflower-Bewegung! Das Wissen, das dort ausgetauscht wird und die Unterstützung, die unsere Bewegung bringt, sind einfach unbezahlbar und so wertvoll. Und dann möchte ich sagen: bleibe bei dir. Erlaube dir, du zu sein. Baue die Sorten und Farben an, die dir gefallen und erlaube dir, deiner Intuition und deinem eigenen Stil zu folgen. Und aus eignerer Erfahrung: verliere dich nicht im Social Media-Image der Flower Farmers. Überlege dir, was du wirklich möchtest und worum es dir wirklich geht. Es ist doch so wie bei den Blumen: die wahre Schönheit liegt darin, dass wir alle so unterschiedlich sind.

Was sind deine Wünsche und wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Der akuteste Wunsch ist natürlich, dass Menschen Interesse und Wertschätzung für unsere Blumen haben. Dass wir unsere Ernte verkaufen können und die Begeisterung, die wir für unsere Blumen empfinden, teilen können. Unser Wunsch für die Farm ist, so viel in Kreisläufen wirtschaften zu können, wie möglich, z.B. Regenwasser zur Bewässerung und Düngemittel aus eigenem Pflanzenmaterial gewinnen. Wir wünschen uns auch sehr, viele verschiedene Menschen auf der Blumenfarm willkommen heißen zu können. Corona hat unsere Workshop-Planungen schwierig gemacht, aber wir haben so viele Ideen, die wir umzusetzen hoffen.
In fünf Jahren sehen wir uns auf unserem blühenden Feld, das wir andernorts um einen weiteren Standort erweitert haben. Wir haben Stammkund:innen, die wir regelmäßig mit unseren Blumen erfreuen können, und ein reges und lebhaftes Netzwerk an Menschen, die sich mit ihren Kenntnissen rund um Blumen in Workshops einbringen. Wenn wir ganz groß träumen, ist die leere Friedhofskapelle neben unserem Feld renoviert und zu einem traumhaften Ort für blumige Veranstaltungen geworden. Egal wie und wo, Hauptsache wir können in fünf Jahren weiterhin Blumen anbauen!

Reuben und Imke

 

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