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Interviews

Interview mit Malin von „Wildling“

Malin lernte ich bei unserem Farmer-Florist-Treffen im Frühling 2019 kennen. Mein erster Gedanke: eine „richtige Malin“ mit ihren blonden, geflochtenen Haaren sah sie aus, als käme sie direkt aus einer schwedischen Blumenwiese. Und das stimmte sogar ein bisschen. Denn dort hatte sie zuvor ein Jahr lang im kleinen Café „Rosenhills Trädgard“ in der Nähe von Stockholm gearbeitet. Sie kümmerte sich im Garten des Cafés um das Gemüse für die Speisen und vor allem um die schwedischen Wildblumen, die auf keinem Tisch fehlen durften.

Seit acht Jahren ist Malin Gemüsegärtnerin, doch hat dabei Stück für Stück dem Schnittblumenanbau immer mehr Platz eingeräumt und mittlerweile gehört ihr Herz voll und ganz den Blumen. Daran liebt sie besonders die Gestaltungsmöglichkeiten, die Kreativität und Schönheit und so ergab es für sie nur Sinn, ihr Blumenprojekt „Wildling“ zu gründen und professionell Schnittblumen anzubauen. Alle Freiburger können sich deswegen schon mal auf regionale, nachhaltige und wunderschöne Blumen ab dem Frühjahr 2020 freuen! Wenn du Malin und ihr Projekt unterstützen möchtest, kannst du dies auf der Crowdfunding-Plattform Startnext tun: www.startnext.de/wildlingblumen

Malin mit Kirschblüten

Liebe Malin, wie kamst du auf die Idee, Schnittblumen biologisch anzubauen?

Ich bin mit Landwirtschaft nicht groß, aber glücklich geworden. Mit dem Rhythmus der Jahreszeiten, dem guten Essen und der Zufriedenheit abends erschöpft ins Bett zu fallen.

 Am Anfang der Ausbildung hat mich neben der sinnvollen Arbeit, auch die Schönheit der Pflanzen verzaubert. Die Ringe einer roten Beete, die Silbertropfen auf dem Rosenkohlblatt oder die Blüten von Möhren.

 Mit den Jahren führte mein Weg immer mehr in die intensive Produktion von Gemüse. Für mich blieb nach und nach etwas von der Wahrnehmung der Schönheit der Pflanzen auf der Strecke. Doch die Schönheit, seien es Sonnenaufgängen oder Sommerblumen, gibt mir Kraft schöpferisch in der Welt zu wirken.

Die katastrophalen Zustände in der industriellen Blumenindustrie haben mich erschüttert. Auf Blumen finden sich zum Beispiel 120x mehr Gifte als auf Gemüse. Viele davon sind hochgefährlich und für den Anbau in Deutschland längst verboten. Aber die meisten unserer Blumen kommen ja nicht von hier.
Ich habe einen Traum von Blumen, die Lebendigkeit versprühen, nicht Gift. Ich möchte mit der Schönheit von Blumen arbeiten und diese teilen. Ich kann mir einfach nichts Schöneres vorstellen!

Mit Landwirtschaft und speziell Blumen hat sich mir eine Welt voller Möglichkeiten eröffnet. Möglichkeiten selbstständig in der Landwirtschaft zu sein und Menschen mit Schönheit zu erreichen, abseits von Kitsch und Klamauk. Ich bin ganz schön aufgeregt, weil mein Traum Schritt für Schritt Wirklichkeit wird – und nicht mehr nur von mir abhängt, sondern auch Teil von immer mehr Menschen wird. Das ist wahnsinnig schön und fühlt sich warm an.

Dein Projekt heißt „Wildling“. Warum hast du diesen Namen gewählt?

Den richtigen Namen zu finden war eine Herausforderung. Auf meinem Feld steht ein sehr alter Birnenbaum, der mir sehr wichtig ist. Auch wenn er wenig Früchte trägt, sind seine reichen Blüten mir immer ein Fest im Frühling. Ich weiß seinen Sortennamen nicht und habe in der Recherche festgestellt, dass es viele Sorte gibt, die Wildlinge sind. Also keine Züchtungen, sondern wildaufgegangene Bäume, die wunderbare Früchte tragen. „Wild-ling“ hat mir gefallen. Wild, aber mit dem -ling, wie in Früh-ling, irgendwie weich und verspielt.

Was hat sich seit der Idee Blumen anzubauen bis heute alles verändert und entwickelt?

Um meine Idee auch unternehmerisch auf sichere Beine zu stellen, habe ich dieses Jahr die Meisterschule besucht. Die damit verbundene Meisterarbeit hat dadurch einen richtigen praktischen Nutzen für mich. Ich habe in dem Jahr wunderbare Menschen und viele Blumenbegeisterte kennen lernen dürfen, wie dich, und die anderen Frauen von der Slow Flower Bewegung, oder die starken Frauen vom „Freundinnen-Abend“, als wir eine Probe für mein zukünftiges Workshop-Konzept gemacht haben. Diese Herzenswärme und Unterstützung zu erfahren ist ein Geschenk. Aber ich stehe auch immer wieder vor Herausforderungen und Widerständen, die mich was lehren wollen. Das fordert viel Geduld und die Bereitschaft sich zu hinterfragen. Ich habe mir Freiheit gewünscht. Freiheit auf einem Stück Land, das anzubauen, was ich will und wie ich es will. Dass es ab jetzt keine Auszeit mehr vom „entscheiden-müssen“ gibt, nehme ich gerne in Kauf, wenn ich auf meiner Erde im Sonnenuntergang stehe und alles jubelt in mir.

Workshop Kranzbinden bei „Wildling“

Wie groß ist deine Anbaufläche, wo liegt sie und wie ist das Klima dort?

Ich habe 6000m² Anbaufläche mit feinem Lössboden in der Vorgebirgszone vom Schwarzwald. Die Fläche liegt im Markgräflerland in Müllheim, ziemlich genau zwischen Basel und Freiburg. Es ist ein sehr sonnenreiches und warmes Weinbauklima hier. Problematisch ist der fehlende Wasseranschluss, deshalb muss ich mit einem Hänger als Wassertank arbeiten. Aber ich liebe meinen Acker, denn im Osten liegt der Schwarzwald und im Westen kann ich die Vogesen sehen. Ich finde es traumhaft schön dort zu arbeiten.

Wer ist deine „Zielgruppe“, deine Kunden und wie möchtest du auf dich aufmerksam machen?

Die Menschen, die meine Blumen bei sich zu Hause oder auf ihren Festen haben werden, sind (hauptsächlich) Frauen aus der Region, die Wert auf Schönheit und Nachhaltigkeit legen. Meine Blumen werden bei ausgewählten Floristen in Freiburg und den Städtchen in der Umgebung, einem Bio-Supermarkt, und wahrscheinlich mit in einer Bio-Abokiste zu finden sein. Man kann bei mir Blumen in größeren Gebinden für Hochzeiten und Feste bestellen, wenn man Freude daran hat, dass Schmücken als festlichen Aperitif zu nutzen.
Dann biete ich aber noch Workshops an für Frauen (und Männer!), die mit anderen Freunden einen Lebensabschnitt oder die Freundschaft an sich feiern wollen. Hierzu biete ich dreistündige Workshops auf meiner Fläche an, zwischen den Blumen, mit Kränzen im Haar und feiner Verpflegung. Meine Freundin Marcia Friese (Photographin für das erfolgreiche Buch „Mutter werden“) bietet zu diesen Workshops die Möglichkeit einer Fotodokumentation, um diesen Moment der Verbundenheit und Freude zu konservieren. Ein „Freundinne-Abend“ für ein Fest der Freundschaft fern von Kitsch, und reich an Begegnungen voller Fülle und Wärme.

Abendstimmung beim Workshop von „Wildling“

Machst du den Blumenanbauen vollzeit? Wie wird eine Woche bei dir aussehen? Und wie das ganze Jahr?

Ich mache den Freiland-Schnittblumen-Anbau ab Februar 2020 in Vollzeit und werde sogar noch eine weitere 100% -Stelle anbieten. Ich mag keinen Maschinenlärm. Mit den Händen arbeiten dafür umso lieber. Schaufel, Hacke, Handjäter und Schubkarre reichen mir als Werkzeug aus. Das bedeutet weniger Lärm, aber mehr körperliche Arbeit und mehr Zeitbedarf. Ich bin gespannt welche Menschen mir dadurch noch begegnen werden.
Meine Woche steht ja noch nicht fest, wird aber geprägt sein von der Pflanzung und später Ernte am frühen Morgen, der Aufbereitung der Blumen in der Mittagszeit und Pflegearbeiten am Nachmittag. Die heißeste Zeit am Tag will ich auch nutzen für die die Büroorganisation. Und mehrmals die Woche müssen noch die Liefertouren an die Läden integriert werden.
Den ganzen Jahresverlauf kenne ich in etwa aus dem Gemüsebau. Man kommt aus dem Winter, wo es ruhiger zu ging, wird von dem Frühling mit seiner Kraft und Freude mitgerissen, hat einen wilden Tanz mit dem Sommer und heißt den Herbst endlich herzlich Willkommen. Aber bis der Sommer einen ganz frei lässt, dauert es tatsächlich meist bis zum ersten heftigen Frost, sprich Ende Oktober.
Das war jetzt vielleicht ein bisschen blumig, konkret heißt es im Winter Planung, Pflege und Reparaturen, im Frühling Säen, Pflanzen, Säen, Pflanzen… und Ernte der Frühjahrsblüher, im Sommer ist Hauptzeit der Ernte, der Workshops und der Vermarktung und im Herbst wird es noch einmal groß mit den Pflanzungen für das Frühjahr. Bis der Frost sagt: Jetzt mach mal ruhiger und kümmere dich um dich und deine Träume.

Was macht dir am meisten Spaß an deiner Arbeit?

Ganz klar auf dem Feld stehen und gärtnern, egal ob pflanzen oder jäten oder auch mal schaufeln. Die Erde unter meinen Füßen und den riesigen Himmel über mir – das ist es!
Und wenn ich morgens vor Sonnenaufgang auf mein Feld komme und erleben darf, wie noch so ein Dämmerungszauber über der Landschaft liegt. Pflanzenornamente, Sonnenstrahlen und Tautropfen. Dann fühle ich mich plötzlich ganz verbunden mit allem.

Was ist das Wichtigste, was du bisher auf deinem Weg als Blumenbauerin
gelernt hast?

Mir am Anfang die Frage zu stellen: Wie möchte ich arbeiten? In meiner Meisterschulzeit habe ich so viel am PC gesessen, was mich nicht erfüllt hat. Jetzt habe ich versucht meine Vermarktungswege so auszurichten, dass ich möglichst viel auf dem Acker arbeiten kann.

Auch wenn du noch am Anfang stehst, gibt es einen Rat, den du jemandem geben würdest, der auch BlumenbauerIn werden möchte?

Visualisiere täglich wie dein Traum aussehen soll, richtig detailliert und mit den Gefühlen, die du dann fühlen willst. Und wenn du dann sicher in deiner Vision bist, gib die Idee auch in die Hände von fähigen Menschen, die dir Nahe stehen und wohlwollend dir gegenüber sind. Die Idee reift dann aus. Durch ihre Fragen, die sie dir stellen, und durch die Vielfalt, die andere Menschen in sich tragen, die dein Projekt bereichern.
Und verknüpfe dich früh mit anderen Anbauerinnen. Das tut total gut, Leute zu sehen, die das schon erreicht haben, was du dir wünscht. Das gibt dir Inspiration und Unterstützung auch im Fachlichen.

Was sind deine Pläne für 2020?

2020 wird glaub ich richtig wild. Das wird mein erstes Jahr. Ich muss im Winter eine ehemalige Metzgerei im Dorf nun zu meiner Werkstatt renovieren. Ich muss noch MitarbeiterInnen und eine Fahrerin finden. Ich muss die Vermarktungswege etablieren, den Anbau bestmöglich stemmen und alles gut notieren. Nach der Saison alles gut reflektieren, um die Mengen und Sorten meinen Kunden und dem Standort anzupassen. Und versuchen mir Urlaubselemente in den Alltag zu integrieren, denn ich denke dieses erste Jahr wird mich sehr fordern.

Und was sind deine Wünsche?

Dass mein Projekt von vielen Menschen von Herzen und auch finanziell getragen wird, damit es einen guten Start haben kann. Dass wir gemeinsam für Blumen schwärmen und Blütenhonig sammeln – das ist mein Motto für die im Oktober startende Crowdfunding-Kampagne.
Mein Traum ist es, dass solche landwirtschaftliche Initiativen, seien es Blumen, Gemüse oder auch beispielsweise was mit Hühnern, Menschen Mut machen sich in der Landwirtschaft zu verwirklichen. Landwirtschaft ist voller Möglichkeiten.

 

 

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