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Interviews

Interview mit Ruth Selleslaghs von „Bloom“

In Ichtegem in Belgien baut Ruth seid 2015 ihre eigenen Bioblumen an. Natürlich rein biologisch und im Rhythmus mit der Natur. Sie ist Mitglied in der Facebook-Gruppe „Deutschsprachige SchnittblumenbauerInnen“ und wir tauschen uns rund um das Jahr über Anzucht, Pflege und Schnitt hunderter Sorten aus. Ruth hat einen riesigen Erfahrungsschatz und mir schon bei vielen Fragen und Problemen weitergeholfen. Wir bestellen auch gemeinsam Saatgut in Amerika und sie schickt mir immer mal wieder tolle selbstgesammelte Sorten. Deswegen freue ich mich ganz besonders, dass sie meine Fragen beantworten möchte!

Ruth auf ihrem Blumenfeld

Liebe Ruth, wie kamst du auf die Idee, Schnittblumen biologisch anzubauen?

Ich habe Politikwissenschaft und Interkulturelle Erziehung in Gent (Belgien) und Berlin studiert. Nach ein Paar Jahren habe ich plötzlich gemerkt, dass ich etwas positives machen wollte, etwas, wobei ich das Gefühl habe Sinnvolles zu tun – jeden Tag. Also habe ich meinen Job gekündigt und eine Lehre für ökologische Landwirtschaft angefangen. Ich kann im Nachinein nicht wirklich erklären wieso ich diese Richtung gewählt habe – Bauchgefühl vielleicht? Ich komme nicht aus einer ökologischen Familien und meine Grosseltern waren auch keine Bauern. Eine echt ‚logische‘ Erklärung gibt es vielleicht einfacht nicht, aber das muss es auch nicht – ich bin glücklich mit dem was ich mache!

Nach meinem Abschluss wusste ich nicht, ob ich in Belgien oder Deutschland leben wollte und wo ich ein Stück Land finden würde. Deswegen habe ich meine Abschlussarbeit erstmal über Blumen geschreiben. Ich dachte, dass nachhaltig und regional angebaute Schnittblumen sowohl in Belgien als auch in Deutschland einen Markt finden konnten. Ich hatte ein kurzes Praktikum im Allgäu gemacht mit und Blumen angebaut, da wusste ich gleich das Blumen das Richtige waren für mich. Das war sehr intuitiv. Ich finde Blumen fantastisch, weil sie Glück verbreiten, aber auch weil sie so vielfältig sind als Produkt und deswegen auch den Job sehr abwechslungreich machen.

Biologisch zu arbeiten war eine logische Wahl für mich, ich kann mir nichts anderes vorstellen. Wir sollen Respekt zeigen für die Natur, auf den Bodem aufpassen, weil sie uns so viel schönes schenkt. Auf unserem Hof wollen wir Platz schaffen für Diversität.

Wie groß ist deine Anbaufläche und wie ist das Klima dort?

Ich wohne in einem Klima das zu vergleichen ist mit einen Küstenklima in Deutschland. Das Meer ist nur 15km entfernt, es gibt viel Wind. Im Sommer ist es meistens schön mit normalerweise einer guten Portion Regen (nicht im letzten Jahr wie auch in Deutschland). Im Winter ist es nicht zu kalt, es friert meisten nur ein Paar Wochen pro Jahr. Auch wenn ich mich ehrlicherweise fast nicht mehr traue zu sagen wie das Wetter sein wird, es ist ja jedes Jahr wieder anders… Einmal zu trocken, einmal zu nass…. Deswegen sagt man, die Bauern haben immer etwas zu klagen. Ich versuche das nicht zu oft zu machen und mich darauf einzustellen das jedes Jahr wieder extrem sein kann. Verluste muss man einfach dazu nehmen und einrechnen.

Wir wohnen auf einem kleinen alten Hof mit ungefähr 3 Hektar Land. Es gibt auch Obstbaume, Schafe, Hühner. Auf 1000 m2 sind Pfingstrosen gepflanzt die ich in ganz Europa verkaufen werde als Pflanzware, das ist mein neues Projekt. Daneben gibt es
nochmal 1500 m2 mit verschiedene Schnittblumen.

Schnittblumen im Herbst

An wen verkaufst du deine Blumen und wie ist die Nachfrage?

Die Nachfrage steigt jedes Jahr, aber auch das Angebot ist größer geworden. Ich verkaufe viele Blumen an Floristen, aber arbeite auch selber als ‚Famer-Florist‘ und mache Brautsträuße und mache die komplette Blumendeko für große Feste und Hochzeiten bis ins letzte Detail. Das mache ich einmal pro Monat, weil ich nicht mehr Zeit habe und auch noch viel auf dem Feld arbeiten will, denn das mache ich immer noch am liebsten. Im Webshop verkaufe ich auch Blumenabos, Dahlien und Pfingstrosen als Pflanzware.

Wie waren deine Anfänge und was hat sich seit dem verändert?

Am Anfang gab es gar keine Nachfrage. Ökologische Blumen waren ein neues Produkt und niemand hat verstanden wieso es was ausmacht keine Pestiziden zu nutzen, wo man die Blumen doch gar nicht essen kann. Jetzt sind noch viele kleine Initiativen gestartet und die Aufmersamkeit für „Slow Flowers“ wird größer. Manche Floristen haben die Blumen noch mehr bekannt gemacht mit gutem Marketing. Denn es macht ja einen großen Unterschied, ob die Floristen regionale und nachhaltige Schnittblumen verkaufen oder nur ab und zu mal Blumen aus Afrika mit einem Fair Trade Label im Sortiment haben.

Du machst das hauptberuflich und hast zwei kleine Kinder, wie sieht eine Woche und ein Tag bei dir aus? Wie schaffst du es, alles unter einen Hut zu bringen und gibt es bei dir auch Freizeit?

Ruth bei der Schnittblumenernte

Das frage ich mich auch jeden Tag, Superwoman bin ich leider nicht – ich bin oft sehr sehr müde 🙂 Ich bin generell sehr ungeduldig und habe vielleicht deswegen auch gleich vollzeit angefangen in 2015. Im August 2016 ist meine erste Tochter, Lea, geboren. In 2017 war ich schwanger und in Februar 2018 kam Lou auf die Welt. Das ist schon ziemlicht verrückt, aber zum Glück weiß man das meistens erst nachher!

Ich bringe die Kinder um 8.30 Uhr in die Kita und hole sie nachmittags wieder ab. Also muss ich schnell und effizient arbeiten. Meine Töchter sind auch beide noch klein und noch nicht selbständig und ich rede mir selbst gut zu, dass es später einfacher sein wird… Okay, ich weiss, dass das nicht stimmt… oder wenigens nicht die erste fünf Jahre. Man darf aber träumen oder? Ohne Hilfe von Familie und Freunden wäre ich nicht da wo ich jetzt bin, man muss um Hilfe bitten und diese auch annehmen können. Das habe ich lernen müssen.

Ab März/April mache ich zwei Mal pro Woche den Blumentransport, die zwei Tage davor wird geerntet und dann bleibt noch ein Tag übrig frei für das Feld und andere Sachen. Viel zu wenig! Im Sommer kann ich abends auch noch ein wenig arbeiten, aber ich versuche die Abende und Wochenenden doch für die Familie zu reservieren, auch wenn das nicht immer
klappt. Freizeit gibt es also wenig da wir uns am Abend oder im Wochende doch oft um die Tiere oder den Hof kümmern müssen, aber ab und zu müssen wir mal alle raus und dann geht es Richtung Thüringen oder in eine größere Stadt. Wir haben auf dem Hof einen alten Wohnwagen und sind immer froh, wenn Gäste zu Besuch da sind, das ist auch ein wenig wie Urlaub.

Ruths wunderbare Tulpen

Was macht dir am meisten Spaß bei deiner Arbeit?

Ich liebe es auszusäen, weil es der Anfang von allem ist! Aber auch Unkraut jäten finde ich toll, da sieht man am Ende des Tages, was man gemacht hat. Und neben dem Feld finde ich es toll mich zu informieren, mich mit anderen auszutauschen und neue Sorten auszuprobieren.

Was ist das Wichtigste, was du bisher auf deinem Weg als Blumenbauerin
gelernt hast?

„Nein“ zu sagen. Zum Beispiel „Nein“ zu sagen, zu einer kleinen sympatische Initiativen wie einem Wochenmarkt wo ich einfach
kein oder viel zu wenig Geld verdiene. „Nein“ zu einem Florist der Interesse hat, aber nur 100 Stiele kaufen kann pro Woche, das ist für mich zu wenig, um den Weg dahin zu fahren. Und auch „Nein“ wenn ein Supermarkt 2000 Blumen kaufen will, aber keinen fairen Preis dafür bezahlen möchte. Das klinkt hart, aber nur so kann „Bloom“ ein nachhaltiges
Unternehmen werden.

Und persönlich habe ich auch gelernt, mich nicht zu vergleichen mit anderen. Im Netz und auf soziale Medien sieht die Welt überal besser aus, als bei mir auf dem Feld. Dann muss ich mich daran erinnern, dass wir immer nur ein Stück der Realität sehen und ich nicht zu streng mit mir sein darf. Bei mir gibt es oft so viel Unkraut, dass ich manche Blumen nicht sehen
kann oder ich vergesse den Wasserhahn zu zudrehen oder tausende kleine Setzlinge vertrocknen, weil ich keine Zeit zum Gießen hatte. Meine ‚To do“-Liste ist immer lang und findet kein Ende. Aber wichtig ist, dass ich jedes Jahr einen Schritt nach vorne mache. Darauf will ich mich konzentrieren. Die Bestätigung auf Instagram oder Facebook ist nicht das Wichtigste.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der gern BlumenbauerIn werden möchte?

  • Träume deinen Traum
  • Traue dich zu springen
  • Tue es mit ganzem Herzen
  • Durchhalten, wenn es schwierig wird
  • Scheitern ist keine Schande

Was sind deine Pläne für 2019?

2019 ist meine erste Saison seit 2015 ohne Baby oder Schwangerschaft, ich freue mich sehr auf dieses Jahr! Ich habe zum ersten Mal einen Folientunnel gekauft, um Ranunkeln und Anemonen zu züchten und im März startet der Verkauf von meiner Pfingstrosen als Pflanzware für den Versand im Herbst. Die Pfingstrosen pflanze ich schon seit 2016 an, also habe ich mich viel in Geduld üben müssen, aber jetzt habe ich hunderte fantastische und auch sehr besondere Sorten auf dem Feld. Ich habe im Januar eine neue Internetseite mit Webshop gebaut und jetzt ist endlich alles fertig für den Verkauf. Endlich Zeit um wieder
mehr auf mein Blumenfeld zu gehen!

Und was sind deine Wünsche?

Ich wünsche allen FlowerfarmerInnen ein Jahr mit einem tollen und interssanten Austausch, Balance zwischen Arbeit und Freizeit, tagsüber Sonne und nachts Regen 🙂

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