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Verschiedenes

Slow Flowers

„Wenn das in Amerika so angesagt ist, kommt es sicher in spätestens ein paar Jahren auch bei uns an!“ Sagte meine Blumenhändlerin des Vertrauens, als ich ihr vom Local Flower Movement in den USA erzählte.

„Ich las und las und las in jeder freien Minute – und die Tage und Nächte waren immer zu kurz.“

Während meiner Zeit als Kleingärtnerin wuchs meine Liebe zu den Schnittblumen und wurde von Saison zu Saison großer und ich begann, mich nicht nur im Garten mit ihnen zu beschäftigen, sondern suchte im Internet nach Informationen: neue Sorten, Anzuchthinweise, Bodenbearbeitung, Düngeempfehlungen und so weiter. Im deutschsprachigen Web sind Informationen recht spärlich gesäht – wenn man in Richtung professionellen biologischen Schnittblumenanbau geht sogar gleich Null. Und so stieß ich recht schnell auf das „Local Flowers Movement“ in Amerika – dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten…

„Und so stieß ich recht schnell auf das „Local Flowers Movement“ in Amerika – dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten…“

Es war wirklich beeindruckend: so eine Hülle und Fülle von Webseiten von Flower Farmern, Blogs, Videos, Artikeln in Zeitschriften, Online-Workshops, YouTube-Book-Studies, Bücher, Vorlesungen, die Webseite des ASCFG (Association of Cutflower Farmer – Growing, Sharing, Learning) etc pp. Ich war überwältigt und las und las und las – in jeder freien Minute im Herbst und Winter 2017 und die Tage und Nächte waren immer zu kurz.

„The Cut Flower Quarterly“ – eine großartige Zeitrschrift für alle BlumenbauerInnen

In diesem Artikel möchte ich zusammenfassen, wie und warum diese Bewegung entstanden ist, was sie genau bedeutet und welche Bedeutung sie in den USA, Großbrittanien und Deutschland hat.

„Warum war das Thema Flower Farming in den USA so groß?“

1991 entschied die US Regierung massiv gegen die Drogenimporte aus Südamerika vorzugehen, indem sie legale Industrien fördert und deren Steuern auf Exporte in die USA auf ein Minimum senkt. Das führte dazu, dass große Blumen-Farmen entstanden, die mit günstigen Arbeitskräften und billigen Pestiziden die Preise auf den Blumen-Großmärkten in den USA drastisch senkten.

Seitdem stieg die Zahl importierter Schnittblumen auf über 80% (genauso viel wie in Deutschland). Für Floristen und Blumenhändler war die Entscheidung einfach: nun konnten sie auch im Januar pinke Nelken für einen unschlagbar günstigen Preis auf dem Großmarkt kaufen und waren damit von den Jahreszeiten unabhängig.

„Das führte dazu, dass 58% der größeren U.S. Blumenanbauer seit 1992 aufgegeben haben.“

2007 brachte Amy Steward mit ihrem Buch „Flower Confidential“ den Anstoß zum Umdenken: sie schrieb über die schlechten Arbeitsbedingungen, die hohe Pestizidbelastung, die chemische Behandlung damit die Blumen den langen Transport überstehen und den großen Co2-Fußabdruck jeder einzelnen Blume – und wurde damit zum New York Times Bestseller.

Es folgte eine Rede des CEO der California Cutflower Commission, Casey Cronquist, mit dem Titel „Heart and soil: Reclaiming the American Cutflower Industry“ und es wurde die „Certifies American Grown-Task“ gegründet. Diese gab eine Studie in Auftrag und stellte fest, dass 74% aller Kunden nicht wussten, woher ihre Blumen kamen – aber mehr als die Hälfte, hätte sie die Wahl, lieber lokal kaufen würde. Der Verkauf eines Blumenstrauß, der nun das Logo trug, stieg um 30% an.

Ab 2014 entwickelte sich der Trend dann nicht nur regional, sondern auch nachhaltig. Die US-Landwirtschaftsministerin führte 2014 das Programm „Know your farmer, know your flower“ ein und im Weißen Haus gab es nur noch „Slow Flowers“.

„Im Weißen Haus gab es nur noch „Slow Flowers“.“

Debra Prinzing führte diese Bewegung mit ihrer Internetseite „slowflowers.com“ an, auf der sie Floristen und Kunden mit nachhaltig wirtschaftenden, lokalen Flower Farmen verbindet und diese ausführlich in einem wöchentlichen Podcast vorstellt (mittlerweile knapp 400 Episoden).

Gabriela Salazar – Farmer und vor allem Florist

Die Nachfrage und das Interesse in den Großstätten war nun größer, als das Angebot und einige Floristen, wie Arielle Chezar, Sarah Ryhanen oder Gabriela Salazar entschlossen sich, selber Blumen anzubauen, direkt für ihre Bedürfnisse: frisch, lange haltbar, besondere Sorten und vor allem ein einmaliger Duft war für ihre Arrangements ausschlaggebend.

Eine der bekanntesten Flowerfarmerinnen ist mittlerweile Erin Benzakain von Floret Flowers, die einen großen Beitrag geleistet hat, Local Flowers nicht nur groß zu machen, sondern auch als Trend zu setzen.

„Die Nachfrage und das Interesse in den Großstätten war nun größer, als das Angebot.“

Der Seattle Flower Markt stellte sein Blumen Angebot auf lokal und nachhaltig um – und verdoppelte damit seine Umsätze von 2015 auf 2016.

Nach einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums ist Flower Farming der profitabelste Sektor in der Größenordnung unter 10 Hektar in den USA. Daraufhin sind viele Bauern auf Flower Farming umgestiegen.
So gab es 2012 bereits 6000 Flower Farmer – heute sind es sicher viel mehr! In der Facebook-Gruppe „Flower Farmer“ gibt es allein knapp 9000 Farmer aus verschiedenen Ländern (Update: 11.000).

„In den letzten Zwölf Monaten habe sich die Nachfrage nach Slow Flowers in den USA verdreifacht. Man spricht dort von einer „Renessaince der Schnittblume“.“

Die Medien lieben den Trend und so sind Artikel in vielen großen Zeitungen und Magazinen erschienen: New York Times, National Geographic, LA Times, New York Magazine, The Star und viele mehr. Hier ist aber auch auffallend: Die kleine Dorfzeitung in Texas schreibt keinen Artikel – das Local Flower Movement ist ein Thema für die Großstadtbewohner, die das Landleben vermissen und wissen möchten, woher ihr Essen, ihre Kleidung, ihre Kosmetik und Einrichtung und nun eben auch die Blumen kommen, die sie sich auf den schicken Esstisch stellen. Damit sind sie auch bereit höhere Preise zu zahlen.

„These revolutionaries are florists and flower farmers, mostly women, mostly in their 30s, at the vanguard of a sensibility that has developed into a cultish lifestyle movement with the power to affect this system.“ NY Times Magazine, 2017, 3.

Meghans Brautstrauß – aus dem Garten!

In England wurde das Local Flower Movement durch Sarah Raven vorangetrieben und 2011 ein „Flowers from the Farm Movement“ initiiert. Diese Vereinigung hat mittlerweile über 500 Mitglieder. Besonders hoch ist in England und Irland die Nachfrage im Bereich Hochzeitsbusiness: viele Bräute aus den Großstätten möchten keine Blumenware von der Stange, sondern ausgefallene Arrangements in Zusammenarbeit mit Floristen und Flower Farmern.

Im Zuge dessen entstanden Startups wie „Florismart“, „FloraBritain“ und viele Floristen heben sich durch die Enge Zusammenarbeit mit „ihrem“ Flower Farmer von der breiten Masse ab. Artikel erschienen in diversen Magazinen und Zeitungen und der „Telegraph“ mutmaßt, dass die Stadtmenschen es lieben, sich durch lokale Blumen ein Stück Landleben in das Apartment zu holen.

Auch die Schweiz hat den nachhaltigen Trend für sich entdeckt und die NZZ schreibt von der „Floralen Revolution“: ein Paradigmenwechsel im stilistischen Sinne hin zu locker und luftigen Bouquets in denen jede einzelne Blume zur Geltung kommt.

«Slow Flower ist nichts anderes als der Anspruch, der Blume die ­Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdient. Sie soll Raum bekommen, um sich zu entfalten und zu riechen.“

Urs Bergmann, Florist, Zürich

So stilsicher meine Blumenhändlerin bei ihren Arrangements ist, hoffe ich nun, dass sie auch mit ihrer Vermutung recht hat und Local Flowers in Deutschland zum Trend werden. Dazu braucht es natürlich die nötige Aufmerksamkeit.

Studien wie in Stiftung Ökotest (10 von 10 Sträußen enthalten Pestizide) müssen bekannt gemacht werden, die Medien müssen berichten, damit ein Umdenken bei Floristen und vor allem den Kunden statt findet. Das Wissen, woher die Blumen im Laden derzeit überhaupt kommen! Und natürlich eine Alternative dazu.

Leider gibt es bisher kaum regionale Blumenbauerinnen – aber Anfrage bestimmt ja bekanntlich das Angebot und bis es die lokalen Blumen im Laden zu kaufen gibt, möchte ich mit diesem Blog dazu zeigen, dass jeder, der einen Balkon oder Garten besitzt, seine Blumen ganz einfach selbst anbauen kann.

Bisher ist es noch ruhig hier...

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