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Interviews

Interview mit Katrin Jahn von „Marsano Garten“

Auf einmal saßen sie da, die vier „Marsanos“ Katrin, Andreas, Annett und Paz, bei unserem zweiten Slowflower-Treffen in Osnabrück bei Anne von Ikoflowers und ich muss zugeben, ich war zunächst ein bisschen skeptisch: Marsano ist schließlich DER Blumenladen in Berlin, bekannt für besondere Arrangements und verantwortlich für die Blumendeko bei großen Events, in bekannten Restaurants oder für Zeitschriften wie die „Salon“ und Kampagnen z.B. für „Gucci“ oder „Nike“. Wir hingegen waren in meinen Augen noch so ein kleiner, bunter Haufen Blumenverrückter und alles war so vertraut, familiär und fragil. Doch meine Sorge, die „großen Marsanos“ würden hier vielleicht mal eben ein paar gute Ideen abgreifen und auf Nimmer-Wiedersehen verschwinden, war völlig unbegründet!

Die vier waren total nett, offen und herzlich und machten von Anfang an klar, dass die Idee der Slowflowers für sie kein Aushängeschild werden sollte, sondern aus tiefstem Herzen kam. Und so fand unser drittes Treffen im März 2020 auch gleich bei ihnen im Blumenladen mitten in Berlin statt. Wir hatten ein tolles, inspirierendes Wochenende und so freue ich mich nun sehr, dass Katrin die Zeit gefunden hat, mir meine Fragen über den neuen „Marsano Garten“ zu beantworten!

Annett, Katrin und Andreas im Marsano-Garten

1. Liebe Katrin, 2019 habt ihr begonnen einen kleinen Teil der Blumen für euren Ladenverkauf selbst anzubauen. Wie kamt ihr auf diese Idee?

Liebe Katharina, das ist wirklich eine schöne Geschichte….. Unsere liebe Paz kam im Februar 2019 zu uns und fragte ganz naiv ob sie nicht mit uns oder für uns Blumen bio-dynamisch anbauen kann. Da ich schon länger den Wunsch in mir trug, Blumen selber anzubauen, die Kunden immer mehr regionale, „fairtrade“ Blumen wünschten und das Berliner Umland viel zu wenig Bioblumen anbietet, haben wir uns gedacht, ach warum denn nicht. Paz bekam dann erstmal die Aufgabe uns mit einer Kosten-Nutzen-Rechnug zu überzeugen. Und alles schien so einfach zu sein. Wir entschieden uns eine kleine Fläche zu pachten, um im echten Leben zu sehen wie funktioniert es tatsächlich. Im Herbst 2019 haben wir angefangen. Bäume gefällt, Boden bearbeitet, Beete angelegt und die ersten Zwiebeln gesetzt …..

2. Macht es für dich einen Unterschied, ob du mit Blumen vom Großmarkt oder aus eurem Garten arbeitest und beeinflusst das deinen Stil?

Ja, es gibt Unterschiede! Der erste ganz große ist, ich wertschätze die Blumen aus unserem Garten um einiges mehr, als die „gekauften“ Blumen. Warscheinlich, weil ich dabei sein konnte wie sie geboren, gewachsen und groß geworden sind. Ich achte viel mehr darauf, dass sie alle vearbeitet werden. Natürlich müssen die zugekauften Blumen auch alle verarbeitet werden. Bei uns ist es ja noch so, dass das was aus unserem Garten kommt, das ist, was zusätzlich ins Geschäft kommt. Geplant wird mit den Blumen aus dem Garten im Moment noch nicht. Dafür haben wir einen viel zu großen Durchlauf an Ware.
Meinen/Unseren Stil beeinflusst es nicht, wir binden offene Sträuße, achten auf Bewegungsformen, versuchen die Blumen so zu lassen wie sie gewachsen sind – ob sie vom Großmarkt kommen oder aus unserem Garten. Sicher ist
das bei der konventionellen Ware schwieriger, weil da ja alles Krumme schon vorher aussortiert wird. Nun haben wir die Krummen und lieben es umso mehr mit ihnen zu arbeiten. Wir haben schönerweise Kunden die lassen uns einfach machen: egal welche Blume, egal welche Farbe, Hauptsache aus eigenem Anbau. Das ist großes Vertrauen und macht mutiger.

3. Erzähl uns etwas über den Marsano Garten, wie groß ist die Anbaufläche, welche Sorten baut ihr dort an und wie sieht es dort aus?

Unser Garten ist 700qm groß, die genutzte Anbaufläche liegt bei ca 350qm. Wir haben ein großes gemischtes Staudenbeet zum Nachbarn hin, damit es dort auch immer schön aussieht. In diesem Staudenbeet ernten wir Angelika, Fenchel, Herbstastern, Echinacea, Rittersporn und Herbstanemonen. Daneben gibt es zwei gemischte Windbrecherhecken aus Malus, Cotinus und Flieder und dazwischen finden sich Verbene, Christrosen und alle Stauden, die so im Laden übrig bleiben, nicht mehr verkauft werden können und ein zu Hause brauchen.
Wir haben elf gleichgroße Beete, dort wachsen zur Zeit verschiedene Amaranthus, Dahlien, Cosmea, Zinnia, Scabiosa, Rudbeckia, Levkojen und vieles mehr. Die Dahlien nehmen hierbei die größte Fläche ein: sechs Beete mit ca. 350 Dahlienpflanzen. Ausserdem gibt es ein riesiges Hochbeet, unten schlafen da gerade die Narzissen und im Moment wachsen darüber herrliche Cosmea. Eine Ecke zum Kaffeetrinken unterm Pflaumenbaum gibt es auch sowie eine angelegte Kompostmiete und einiges im Kübel, wie Basilikum, Tomaten oder Schokocosmea. Ach, und selbstgebaute Frühbeetkästen gibt es auch noch! Dort stehen gerade die Sommerastern. Ein Teil der Fläche ist noch nicht bewirtschaftet. Dort stehen noch Koniferen, die wir für die Adventszeit aufheben und nicht einfach so wegmachen wollten.

4. Was hat in eurer ersten Saison im Garten am besten funktioniert – und was überhaupt nicht?

Die Narzissen waren super. Ich war überrascht wie einfach die sind. Nichts machen nur ernten. Toll!
Cosmea, mega einfach, super fett, super ergiebig, blüht immer und ewig, habe ich das Gefühl. Dahlien, ich bin fasziniert wie einfach auch die sind. Nur Sturm darf nicht kommen! Was mühsam war sind die Astern, die haben lange gebraucht, sind nun aber auch ein Traum. Zinnien, hat lange gedauert, viele Pflanzen haben es nicht geschafft, doch die die durchgehalten haben sind jetzt auch herrlich! Digitalis (Fingerhut) dachte ich immer, braucht nicht viel zum Leben –  funktioniert aber gar nicht…

5. Kennzeichnet ihr im Ladenverkauf die Blumen aus eurem Garten? Und ergibt sich ein Preisunterschied zur konventionellen Ware?

Die Ware wird richtig angeschrieben, also „Cosmea aus dem Marsano Garten“ etc. Auch unsere Bundware draußen wird so gekennzeichnet. Die Bundware bekommt dann den Slowflowersticker. Die Bundware aus unserem Garten ist teurer als die herkömmliche Bundware, die zum Teil ja auch aus dem Berliner Umland kommt. Im Moment orientieren wir uns etwas an den Preisen auf dem Markt. Also die kopfgroßen Dahlien verkaufen wir für 3,50€.

6. Wie ist die Reaktion der Kunden auf eure eigenen Blumen?

Bisher gibt es nur positives Feedback. Manchmal posten wir auf Insta die frisch geernteten Blumen und sofort kommen Bestellungen dafür rein. Viele Fragen gezielt danach und warten sonst auch bis zum nächsten Tag. Es kam schon vor, dass wir alles, was aus dem Garten kam an eine*n Kunden*in verkauft haben. Das macht Spaß und zeigt mir
wie bereit die Leute sind. Es besteht eine große Wertschätzung.

7. Arbeitest du im Garten und im Verkauf? Wie kriegst du alles unter einen Hut und ergeben sich durch den Anbau neue Organisationsformen – kannst du noch in den Urlaub fahren?

Ich arbeite im Garten und im Geschäft. Obwohl ich dazu sagen muss, dass sich der Garten direkt an mein Privatgrundstück anschließt. Das macht vieles einfacher. Morgens ist es mein erster Gang, zu schauen, war der Fuchs da oder der Waschbär und hat die Strippingline zerbissen? Läuft die Bewässerung, kann was geschnitten
werden? Einmal in der Woche kommt Paz und ist den ganzen Tag hier draußen: sie checkt alles, sät Neues aus, setzt Komposttee an etc. Ich muss sagen, dass hilft mir sehr, sie gibt mir Sicherheit und zeigt mir was ich besser machen kann, was wichtig ist. Ich bin Floristin und keine Gärtnerin. Sie sieht den Garten mit ganz anderen Augen,
sie achtet auf die Wirtschaftlichkeit. Das kommt mir oft abhanden, weil ich mich verzettele mit dem vorsichtigen schneiden zum Beispiel.
Es ist Arbeit, aber fühlt sich nicht so an. Ich merke es erst, dass meine Kinder mich daran erinnern, Abendbrot zu machen, weil ich ständig drüben bin. Wir alle mussten uns zwangsweise durch Corona um organisieren. Im Moment arbeiten wir im Geschäft in festen Teams, an drei Tagen in der Woche. Die anderen Tage bin ich im Homeoffice
und erledige die anfallende Gartenarbeit. Die sich, dank Paz, hier in Grenzen hält, kein Unkraut, durch perfekt angelegte Beete, gut durchdachte Blumenauswahl… Und wenn ich im Urlaub bin ist Paz einmal mehr hier. Das ist schon toll und beruhigend.

8. Was macht dir bei deiner Arbeit am meisten Spaß?

Das sind Fragen! Bezieht sich das nur auf die Arbeit im Garten oder Allgemein? Mir macht alles Spaß, hier im Garten das Draußensein, Jahreszeiten wahrnehmen, aufs Wetter achten, das meine Kinder sehen, was ich mache, wir dadurch viel mehr zusammen sind. Sie setzen Dahlien, helfen beim Ernten, Gießen, natürlich nicht immer,
aber von Zeit zu Zeit. Das Ernten ist natürlich eine feine Belohnung für das was vorher geleistet wurde. Ich freue mich so über die Eimer voll Blumen, verzettele mich dabei auch mit Fotos machen, verpacke sie schön… Ich glaube, das muss aufhören, wenn Paz die Kosten-Nutzen-Rechnung am Ende des Jahres aufmacht, Hilfe!!!
Naja und meine eigentliche Arbeit bei Marsano ist mein Leben. Ich liebe Blumen wie alle, die bei uns und mit uns arbeiten. Es ist ein Geschenk, umgeben zu sein mit Menschen die das gleiche Ziel verfolgen: Menschen mit Blumen glücklich zu machen. Ausserdem kümmere ich mich um alle Befindlichkeiten – Annett sagt immer, ich bin der Innenminister. Das trifft es ganz gut! Es kostet Zeit und Kraft, aber macht auch ganz viel Spaß.

Katrin in den blühenden Feldern

9. Was ist das Wichtigste, dass du bisher bei deiner Arbeit als Floristin und Unternehmerin gelernt hast?

Tu was Dir Spaß macht, bleib immer ehrlich, auch Dir selbst gegenüber. Stelle dich neuen Herausforderungen. Kenne deine Unternehmenszahlen. Vergiss nie, wo du herkommst und wie du angefangen hast.

10. Und gibt es für dich eine Erkenntnis nach der ersten Saison im Marsano-Garten?

Ja, die gibt es. Vielleicht hätte ich doch, als ich Anfang Zwanzig war, noch eine Gärtnerlehre machen sollen. Mir fehlt grundlegendes Wissen. Paz ist so ein guter Mensch, teilt ihr Wissen mit mir, ohne damit anzugeben oder einen Nutzen für sich daraus zuziehen. Das durften wir ja auch schon bei unseren Slowflowertreffen positiv feststellen. Infos, Wissen, Erfahrungen werden von allen Teilnehmern geteilt, ohne Konkurenzdenken. Schöne Entwicklung!
Mein Fazit: Alles aufschreiben, was, wann gesät, wieviel geerntet, wo bestellt, wieviel Stunden auf dem Feld verbracht…

11. Welchen Rat würdest du jemandem geben, der auch seine eigenen Blumen anbauen möchte?

Hab jemanden an deiner Seite der sich damit auskennt oder informiere dich in einer Erfahrungsgruppe.
Sei mutig. Machen!

12. Wo siehst du dich und Marsano in fünf Jahren und was sind deine Wünsche?

Schon wieder so eine schwere Frage! Und das in der jetzigen Zeit? Da wir im Sommer zum Teil 50% Umsatzeinbusse hatten, wünsche ich mir hier wieder etwas Kontinuität. Wir arbeiten gerade in festen Teams und wir können uns nicht alle sehen. Das ist traurig. Ich wünsche mir, dass sich das schnell wieder ändert. Mir fehlt schon die ganze Marsanobande. Das ist das, was auch Marsano ausmacht, ein Miteinander, nicht ein Nebeneinander. Ich würde gern noch mehr selber anbauen. Wir suchen eine größere Anbaufläche, die zu uns passt, nicht zu weit weg ist, guten Boden hat. Aber noch war nicht das Richtige dabei. Uns drängt nichts, das ist das Gute, wir sind entspannt und lassen uns treiben.
Paz bekommt im Januar ihr Baby und dann wird sich zeigen was ich das letzte Jahr gelernt habe.
Ich wünsche mir außerdem, dass wir das, was wir die letzten Monate gelernt haben, mit in die Zeit ohne Corona rüber retten. Mehr Achtsamkeit, weniger Konsum, mehr Familie. Marsano ist etwas besonderes, dass wir nun auch noch eigene Blumen anbauen, gefällt nicht jedem. Viele andere Floristen schauen auf uns und ahmen uns nach. Das wäre doch mal eine wunderbare Entwicklung, wenn wir dazu beitragen könnten, dass andere Geschäfte auch einen Teil ihrer Blumen selber anbauen!

5 Comments

  • Reply
    Franziska
    9. November 2020 at 21:17

    Liebe Katharina,
    vielen Dank für das tolle Interview. Es hat mir sehr gefallen. Und ja, auch ihr in der Slowflowerbewegung seit eine tolle Bande. Mach bitte immer weiter mit deinem tollen Blog.
    Liebe Grüße Franziska

    • Reply
      Katharina
      10. November 2020 at 9:35

      Liebe Franziska, vielen Dank für deine Worte! So wie die Slowflower-Bewegung wächst, wird es hier wohl auch noch viele neue Interviews geben 🙂

  • Reply
    Imke
    9. November 2020 at 21:25

    Ein total schönes Interview, sehr spannend und Kathrin einfach sympathisch! Kann ich mir gut vorstellen als Innenministerin 😉

    • Reply
      Katharina
      10. November 2020 at 9:34

      Danke Imke, das freut mich 🙂
      Liebe Grüße

  • Reply
    Anke
    10. November 2020 at 9:50

    Liebe Katharina,
    was für ein interessantes Interview, vielen Dank dafür!
    Ich stöbere immer wieder gern durch deine Interviews und finde es so inspirierend, etwas über den Blumenweg von anderen zu erfahren und daraus zu lernen.
    Ich freue mich schon auf weitere Interviews 🙂
    Herzliche Grüße
    Anke

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