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Durch das Jahr

Juni 2018

Und dann kam der Juni… Wo ich mir noch vor wenigen Wochen die Blumen zum Schnitt mühsam zusammensammeln musste – hier eine, da zwei – blühte jetzt ein buntes, wogendes Meer das von mir geschnitten werden wollte. Jeden Tag.

„Das heißt früh aufstehen und schneiden, schneiden, schneiden.“

Und ein langes Beet schneiden – oder besser neun lange Beete schneiden – ist etwas ganz anderes, als durch den Garten schlendern und hier und da einen kleinen Strauß zusammensammeln. Es dauert lange. Und es muss vor der großen Mittagshitze geschehen, die wir in diesem absurd heißen Juni täglich haben. Das heißt früh aufstehen und schneiden, schneiden, schneiden. Danach folgen die anderen Arbeiten, jäten, gießen, säen, pflanzen, düngen.

Islandmohn im Tunnel

Ich arbeite von früh bis spät, seit dem Markt nicht mehr fünf Tage die Woche, sondern sieben Tage die Woche und ehe ich mich versehe bin ich im Stress. Jeden Tag, immer, ich renne permanent allem hinter her. Wenn ich mich nur kurz umdrehe, explodiert hinter mir wieder etwas und die Grüne Hölle hat mich voll im Griff.

So geht es Woche um Woche, der Juni neigt sich dem Ende und auf einmal sitze ich da, nachts in der Küche und weine. Es bricht einfach aus mir heraus, etwas, von dem ich gar nicht merkte, dass es da war.

„Wo war meine Begeisterung? Wo war meine Liebe für den Garten, für die Blumen?“

Ich blieb zwei Tage einfach zu Hause, lies Blumen Blumen sein und begriff, dass ganz schleichend während dem Rennen und Eilen der letzten Zeit meine Begeisterung einer abgeklärten Produktivität gewichen war. Ich kam durchs Gartentor und scannte sofort die Beete: was musste als erste geschnitten werden? Waren dort Läuse? Dort muss ich unbedingt gießen! Womit fange ich an? Zack, zack, Eilschritt, los gehts.

Nach Stunden konnte ich den Hunger nicht mehr ignorieren, aß im weiterlaufen einen Müsliriegel und versuchte noch schnell das Nötigste abzuharken. Am Abend ging ich gedanklich bereits die To Do Liste des nächsten Tages durch und stellte den Wecker auf in ein paar Stunden.

Schöne Momente

Unsere Wohnung sah aus… Der Kühlschrank war leer und meine Tochter wollte schon gar nicht mehr in den Garten, ihr eigenes Beet war ihr auch egal. Anstatt am Samstagmorgen Brötchen zu holen und  ausladend zu frühstücken, sprang ich um 6.45 Uhr ins am Vorabend bereits gepackte Auto, um dann erst gegen 14 oder 15 Uhr vom Markt zurück zu kommen.

Ich hatte so viel zu tun, dass mir gar nicht auffiel, was ich hier tat und ich einfach nicht, wie unglücklich ich dabei wurde. Wo war meine Begeisterung? Wo war meine Liebe für den Garten, für die Blumen? Ich vergaß beim buddeln nicht mehr wie früher die Zeit – im Gegenteil, ständig schaute ich auf die Uhr: was musste noch alles erledigt werden?

„Die Zeit verging, die Jahreszeiten kamen und gingen.“

Bevor ich mich entschied Schnittblumen nicht mehr nur für mich und die Freude an der Schönheit anzubauen, war der Eintritt in den Garten das Wegtauchen aus dem Alltag, eine Oase voll Ruhe und Entspannung. Ich verfolgte keine Ziele, hatte keinerlei Druck, ich werkelte einfach vor mich hin, ohne groß darüber nachzudenken. Die Zeit verging, die Jahreszeiten kamen und gingen. Ich beobachtete die Natur, machte mir Notizen, verlor mich in Betrachtungen.

„Ich möchte keine Blumenbauerin sein. Ich möchte Blumengärtnerin sein.“

Und so wurde mir ganz klar: ich möchte nicht in erster Linie Blumenbäuerin sein, auf Effektivität und Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Ich möchte Gärtnerin sein, Blumengärtnerin. Denn in dieser Zeit schaffte ich mit Ach und Krach die Schnittblumen anzubauen, mit allem was dazugehört und der Rest blieb komplett auf der Strecke: Rasenmähen? Keine Chance! Kanten schneiden? Lächerlich! Tomaten gießen? Morgen!

Und so wurde mein eigentlicher Garten zu einem vernachlässigten Stiefkind, fokussiert auf das Produkt Schnittblume. Doch ich litt unter dem Anblick, der braune Rasen machte mich traurig, die welken Apfeläste und verdörrten Erdbeeren taten mir leid und überhaupt sah der Garten völlig verwahrlost aus. Aber ich hatte keine andere Möglichkeit, null Komma null Kapazität.

„Die Wasserpumpe war kaputt. Und ich dacht: Lass sie einfach kaputt sein. Dann hat es endlich ein Ende.“

Die tägliche Ernte

Doch das macht mich nicht glücklich, im Gegenteil. Und dann kam eine Situation, die mir ganz deutlich aufzeigte, dass dies der falsche Weg war: meine Wasserpumpe funktionierte nicht mehr. Es war heiß, wie jeden Tag, die Blumen brauchten unbedingt Wasser, der Nachbar kam herüber und fing an, die Pumpe zu untersuchen und ich dachte: Lass sie einfach kaputt sein. Dann geht hier alles den Bach runter und es hat endlich ein Ende.

Natürlich sprudelte nach einer viertel Stunde das Wasser und ich war heilfroh, aber diese heimlich Hoffnung ließ mich erschrecken.

Und so entschied ich nach einigen Gesprächen mit Freunden und Familie, den Markt nicht mehr zu machen. Einerseits fiel mir das sehr schwer, es war so schön dort, das direkte Feedback der Kunden so überschwänglich, aber ich fühlte mich auch befreit und merkte: dass reicht noch nicht, ich brauche noch weniger Verpflichtungen, egal was das für mein Business bedeutet, dass ist jetzt zweitrangig.

„Und so entschied ich nach einigen Gesprächen mit Freunden und Familie, den Markt nicht mehr zu machen.“

Ich nahm noch weniger private Bestellungen an. Nicht mehr, wie zeitweise, jeden Tag. Sondern noch noch ca. zwei mal die Woche. Die Belieferung des Restaurants und des Büros behielt ich bei.

Das war ein fester Rhythmus, Montags und Dienstags, mit dem ich gut leben konnte und ich wollte diese Zusammenarbeit auch auf keinen Fall abbrechen. Darüberhinaus lieferte ich auch nicht mehr. Alle privaten Bestellungen mussten nun bei mir abgeholt werden. Ich war unsicher, wie die Kunden reagieren würden – aber nicht ein einziger sprang ab! Das war eine große Erleichterung.

Auch die privaten Bestellungen reduzierte ich

Zudem spürte ich, nun wo der große Druck weg war, was mir neben der reinen Gartenarbeit noch so viel Freude machte: experimentieren und darüber schreiben! Etwas, dass ich schon immer gerne tat, Samen aus aller Welt bestellen, stundenlang in Staudengärtnereien mit der Verkäuferin fachsimpeln und alles was ich beobachtete und lernte in meinem Notizbuch festhalten.

Warum also nicht vielleicht einen Blog schreiben? Die Ideen sprudeln und die Zeilen schreiben sich wie von selbst. Ich habe so viele Artikelthemen, ich könnte jahrelang schreiben. Das fühlt sich hervorragend an!

„Warum also nicht vielleicht einen Blog schreiben?“

Ich wäre sehr gerne richtige Blumenbauerin, mit dutzenden meterlangen Reihen voll tausend und abertausenden Blumen. Würde mein Leben füllen mit aussäen, pflanzen und schneiden. Mein Traum von einem richtigen Blumenhof!

Doch manchmal passen Traum und Wohlbefinden nicht zueinander. Das kann man ausschließlich durch ausprobieren erfahren und ist sicher kein überflüssiger Verlust. Im Gegenteil, manchmal muss man etwas tun, um zu wissen, was man will – und was man vor allem nicht will, um daraus zu folgern, was einem gut tut und zu einem passt.

Ich möchte mich mit der Schönheit beschäftigen und nicht mit Produktivität. Ich möchte weiterhin diese Schönheit teilen und weitergeben, aber nicht nur durch Verkäufe. Ich möchte den Luxus haben, Blumen zu verschenken, für mich selbst zu behalten und mir für ausgewählte Projekte oder eine Hochzeit viel Zeit zu nehmen und Dinge nicht einfach abzuarbeiten.

„Und jetzt fahre ich in den Garten und mache wie früher als allererstes meine Runde, einen Tee in der Hand, schaue, was sich verändert hat und freue mich.“

Bisher ist es noch ruhig hier...

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